Tunesien – Wind, Sand und Power
Es wird längst mal wieder Zeit für eine Auszeit, auch wenn die dieses Mal nur zwei Wochen beträgt. Also ab in die Wüste, nach 25 Jahren endlich wieder mit dem Motorrad – mit den Kids waren wir immer im 4×4 unterwegs. Kurzfristig die Fähre gebucht, mein Motorrad – eine Royal Enfield Himalayan 411 mit sagenhaften 24,5 PS und knapp 200 kg Gesamtgewicht noch vollgetankt, durchgecheckt und gepackt.
Am Freitag vor den Osterferien geht‘s über‘n Brenner bis zum „Automaten-Camping“ in Cremona, bei dem der Check-In, der Check-Out und das Bezahlen über einen Automaten abläuft, unterstützt von einer netten Mitarbeiterin (warum die dann nicht gleich selbst kassiert?). Auf dem Platz treffen sich eine ganze Menge Motorradfahrer, die als Gruppe nach Marokko unterwegs sind und ebenfalls eine Fähre von Genua nehmen.
Auf den letzten zweihundert Kilometern zur Fähre macht sich mein Hinterteil deutlich bemerkbar. Komisch, gestern ging‘s doch auch gut auf deutlich längerer Strecke? Kann das nur an der Thermounterwäsche liegen, die ich gestern übern Brenner anhatte? In Genua bin ich der einzige auf zwei Rädern angereiste Mopedfahrer, sonst finden sich noch ein paar Zweiräder auf Hängern ein. Ich treffe Freunde, die mit ihrem Defender in einer kleinen, privaten Gruppe unterwegs sind. Wir gehen dann zusammen zum Abendessen ins Bordrestaurant, nachdem die Fähre endlich mit etlichen Stunden Verspätung abgelegt hat. Das Essen ist recht lecker, der tunesische Wein allerdings … nächstes Mal lieber wieder ein Bier.
Beim Anstehen an Bord zu den Einreiseformalitäten weist uns ein Zöllner auf ein Plakat hin, demgemäß man künftig sein Fahrzeug etc. vor der Einreise online voranmelden und somit die Wartezeit beim „Zoll-Check-In“ deutlich verkürzen kann – werden wir bei der nächsten Reise mal ausprobieren.
Statt abends um 18 Uhr kommen wir erst nach 23 Uhr in Tunis an; immerhin geht die Einreise sehr zügig vonstatten, ich bin sogar der erste, der kurz vor Mitternacht aus dem Hafen fahren darf! Nach einem kurzen Stopp am Bankautomaten ab nach Nabeul, die Straßen sind um diese Uhrzeit fast leer, immerhin haben noch diverse Tankstellen geöffnet, an einer wird vollgetankt, und an der Autobahnraststätte gibts noch Thunfischquiche und eine Wasserflasche. Am Camping noch schnell das Zelt aufgebaut, die später von der Fähre ankommenden Geländewagenfahrer bekomme ich nur noch im Halbschlaf mit.
Da ich keine feste Route geplant habe, fahre ich zuerst in südliche Richtung nach Kebili zu Arafat und seiner Frau, die einen Camping mit Restaurant betreiben, vor allem das Essen dort ist wirklich empfehlenswert. Obwohl ich eigentlich Zeit habe, nehme ich doch die Autobahn. Der Wind, natürlich Gegenwind, wird im Lauf des Tages immer stärker, bis ich auf der Autobahn mit fast Vollgas nur noch auf 80-90 km/h komme.
Bei Gabès runter von der Autobahn, die N 16 nach Westen Richtung Kebili, stürmt es von Süden noch mehr, Schräglage beim Geradeausfahren und streckenweise mit einem so heftigen Staubsturm, dass die Sichtweite nur noch wenige dutzend Meter beträgt. Anhalten macht auf dem Moped auch keinen Sinn, also fahre ich bis zum Camping, der etwas Windschutz der Palmengärten und seiner Umfassungsmauer bietet. Abends lässt der Wind deutlich nach, und frisch geduscht genieße ich mit anderen Campern das leckere Abendbuffet. Die Leerung des Luftfilters am nächsten Morgen hat sich rentiert, gegen Mittag fahre ich über die Nefzaoua-Oasen nach Douz zu Sophies Desert Camping. Einige der Strommasten unterwegs sind verbogen oder ganz umgeknickt, ob das der Sturm gestern war?
Bei Sophie ist‘s richtig voll, ich bleibe zwei Tage, bevor ich ins Dahar-Bergland aufbreche. Auch auf dem Camping weht der Wind wieder heftig, trotz komplett geschlossenem Überzelt bläst es jede Menge feinen Staub durch die leider nicht verschließbaren Moskitonetze des Innenzeltes.
Da die letzte Motorrad-Wüstentour über 25 Jahre (und 15 kg weniger) her ist und wir damals auch leichtere Enduros hatten, will ich keine allzu sandigen Pisten oder gar Dünen fahren. Schotterstrecken sind ein Genuß, mit Sand auf zwei Rädern konnte ich mich allerdings noch nie richtig anfreunden. Ich suche mir eine Strecke durchs Bergland, die möglichst alle auf der Michelinkarte als grün markierte Straßen einbezieht, und genieße die nach einer Anfahrt von Douz Richtung Matmata mit reichlich Gegenwind ersehnten kurvenreichen Bergstraßen. Viele Kurven, nicht ganz so viele Pausen, um die Aussicht zu genießen, ein paar Bilder zu machen, etwas zu essen und zu trinken und natürlich auch, um den schmerzenden Hintern zu entlasten.
Was ist da bloß los? Die Originalsitzbank war deutlich zu weich, ich hatte mir schon mal härteren Schaumstoff besorgt und zurechtgeschnitzt, immer noch zu weich. Dann die Komfort-Sitzbank, deutlich härter, aber eigentlich nicht zu hart. Trotzdem fängt es nach nicht mal einer Stunde Fahrt an, zu drücken, ich rutsche immer häufiger hin und her. Leider erst einige Tage später stelle ich dann fest, dass die Nähte am Bezug durch die recht kantige Form wohl drücken, mit etwas Zurechtgerutsche und wechselnden Sitzpositionen entlaste ich meinen Po zeit- und seitenweise; das wird besser, aber immer noch nicht zufriedenstellend. Aber viele Pausen sind ja ok, im Gegenteil, als wir mal in Algerien einen schleichenden Plattfuß hatten und deswegen alle ein bis zwei Stunden zum Nachpumpen angehielten, haben wir gemerkt, dass wir durch die Zwangspausen abends deutlich entspannter und längst nicht so erschöpft waren wie vorher, als wir von morgens bis mittags und dann bis abends durchgefahren waren.
Jedenfalls ist die Tour durch die Berge genial, der Wind nicht so stark wie auf der Ebene, die Kurven zahlreich, die Aussichten traumhaft und der Asphalt griffig. Soll ich lieber die Kurven räubern und das Fahren genießen oder lieber langsamer fahren und die Gegend genießen? Keine leichte Entscheidung, mal so, mal so, mal beides … viel Verkehr ist eh nicht, aber mal ein Eselskarren nach der Kurve lässt mich immer wachsam bleiben.
Das Wetter passt (außer dem Wind), es ist nicht zu heiß, ideal zum Fahren. Allerdings deutlich wärmer als gemäß den vorher studierten langjährigen Mittelwerten, die für den Süden gerade mal um die 10°C Nachttemperaturen angeben, weswegen vorsichtshalber der wärmere Daunenschlafsack eingepackt wurde und ich nun in der Nacht eher schwitze als friere.
Spät am Nachmittag fahre ich einen Feldweg in ein kleines Seitental und finde einen ruhigen Platz, baue mein Zelt auf und genieße nach dem Abendessen den klaren Sternenhimmel, bevor mich Wind und Müdigkeit in den Schlafsack treiben.
ach einem Becher Kaffee und ein paar Keksen zum Frühstück fahre ich weiter durchs Bergland Richtung Süden. Die erste Verbindungsstraße Richtung Westen nach Ksar Ghilane, meinem nächsten Ziel, ist ein Stück weit geschottert, es macht riesig Spaß, da langzufahren. Aber dann wäre ich ja schon vormittags dort, lieber wieder umdrehen, die knapp 20 Kilometer Schotter nochmals genießen und die weiter südlich liegende, nächste Querverbindung zur Pipelinepiste nehmen.
Gesagt, getan, über Bir Amir fahre ich eine gut geschobene Piste bis zur Pipelinepiste, die ich um die Mittagszeit erreiche und in die ich nach Norden Richtung Ksar Ghilane einbiege. Die Pipelinepiste sind wir zuletzt vor ungefähr acht oder zehn Jahren gefahren, die war damals ebenso gut geschoben mit wenigen sandigen Stellen und gut zu befahren.
War … dieses Mal sind viele Sandverwehungen auf der Piste, mit etwas Gefühl meist gut zu überqueren, da der Sand erstaunlich fest ist. Öfter sind die Verwehungen allerdings eher Dünen und häufen sich auch nacheinander, so dass die Strecke neben der Hauptpiste auf mehr oder weniger sandigen Umfahrungen entlangführt.
Schwierig wird’s nach ungefähr sieben Kilometern, ein längeres Sandfeld bremst mich ab, es verreißt mir den Lenker, das Motorrad kippt fast im Stand, ich kann es nicht mehr halten und lege es selber auf die Seite. Alleine habe ich keine Chance, die Fuhre so wieder aufzurichten, also zuerst Handschuhe, Helm, Jacke aus- und das Käppi anziehen, Packtasche und Tankrucksack runter, Motorrad aufrichten, aus dem Sandfeld fahren, abstellen und alles wieder aufpacken. Heute ist natürlich kaum Wind und knalle Sonne, ich lasse mir Zeit, genieße die Weite und die Einsamkeit und trinke natürlich viel, Wasser habe ich ja genug dabei.
Dann weiter nach wiederum sieben Kilometern das gleiche nochmal, langsam bekomme ich Übung. Zwischendurch immer wieder Probleme in sandigen Stellen, manchmal muss ich mich „durchfußeln“ (mit den Füßen anschieben und abstützen), zwei-dreimal hilft absteigen und das Moped mit vorsichtigen Gasstößen durch den Sand schieben.
Der dritte Umfaller folgt dann nach insgesamt gut 30 Kilometern, wieder im Stehen, dieses Mal stinkt es gleich nach verbranntem Plastik – das rechte Hosenbein ist an den heißen Auspuff gekommen, gottseidank nur mit dem untersten Ende. Aber hier genügt es nicht, Tasche und Tankrucksack abzupacken, ich muss zusätzlich die Koffer ausleeren – die Innentaschen sind hier mal wieder praktisch, nichts muss einzeln geschleppt werden. Ja, schleppen, ungefähr 300 Meter bis zu einem Stück fester Piste, ich laufe in der Hitze drei-viermal hin und her mit den Stiefeln durch den Sand, man kann sich schöneres vorstellen. Natürlich wieder mit genügend Pausen und Trinken dauert die ganze Aktion gute zwei Stunden; erst ganz am Schluss kommt ein Fahrzeug vom Militär, und der Soldat fragt netterweise, ob alles in Ordnung ist. Ich bejahe, packe wieder auf und fahre noch ein paar Kilometer, bis ich wieder an ein längeres Sandfeld komme. Da ich keine Lust mehr habe und ehrlich gesagt auch schon recht erschöpft bin (ich bin halt auch keine 60 mehr), morgen früh auf besser befahrbaren Sand hoffe und es auch schon recht spät ist, baue ich ein Stückchen neben der Piste das Zelt auf und koche mir mein Abendessen.
Kaum ist die Sonne weg, kommen einige einheimische Pickups und später ein tunesischer Motorradfahrer mit Sozius, der nur so über die Dünen fliegt – irgendwas mache ich anscheinend falsch oder liegt es an der Tageszeit? Jedenfalls bin ich sehr müde, lege mich nach dem Essen gleich hin, nur noch ein bisserl lesen und bald schlafen.
Am nächsten Morgen, ich habe recht gut und lange geschlafen, wieder Kaffee, Kekse und ein frühes Aufbrechen, nachdem ich nochmals etwas Luft aus den Reifen gelassen habe. Heute klappt alles wunderbar, die letzten knapp zehn Kilometer Piste bis zum Teer komme ich nur einmal ins Straucheln, aber ohne Umfaller. Liegt das an der frühen Tageszeit, an dem bisschen weniger Luftdruck oder an meiner wieder erholten Fitness? Wahrscheinlich von allem etwas, dazu bin ich entspannter als gestern, fahre nicht mehr so verkrampft und erinnere mich mehr instinktiv der früher gelernten Fahrtechniken, ohne erst darüber nachdenken zu müssen. Übung …
Nach Erreichen der löchrigen Teerstraße wird der Luftdruck in den Reifen wieder auf fast normal aufgefüllt. Da es noch so früh am Morgen ist, beschließe ich, gleich wieder nach Douz zu fahren, mache aber noch einen Abstecher zur nächsten Tankstelle, da die Sandtour viel Sprit verbrannt hat.
